c

Corporate Mindfulness. kollektiver Befreiungsweg oder emotionspsychologisches Sedativum

 

Corporate Mindfulness:

kollektiver Befreiungsweg oder emotionspsychologisches Sedativum?

Achtsamkeit wird gegenwärtig im Coaching-Markt und in der betrieblichen Gesundheitsförderung als Allheilmittel kommuniziert und als Zusatz angeboten.
Jeder der Coaching anbietet, bietet jetzt auch Achtsamkeit an. So weit, so gut- nur fachlich leider oft wenig fundiert. Oder: gut gemeint, ist nicht immer gut.

Was in diesem Kontext oft übersehen oder bewusst verschwiegen wird:

die Achtsamkeitspraxis soll nicht dem Individuum dienen, sondern das (Arbeits-)System stabilisieren. Kurz gesagt: nicht nur die Psyche beruhigen, sondern auch Widerstände entwaffnen.

Häufig soll der Achtsamkeitsdiskurs auch als kurzfristige psychologische Kompensation für strukturelle Dysfunktionalitäten funktionieren: nicht Organisationen, Arbeitsverhältnisse oder ökonomische Herausforderungen stehen zur Disposition, sondern das Innenleben des Einzelnen: der Mensch soll lernen, in belastenden Umfeldern still zu atmen, statt zu hinterfragen: er soll innere Ruhe kultivieren, während er systematisch überfordert, entgrenzt und emotional entleert wird.

Wissenschaftlich betrachtet zeigen Studien zur Wirkung von Mindfulness Effekte auf das Stressparameter. Diese Effekte sind kontextabhängig, temporär und stark abhängig vom individuellen Mindset. Die systemische Wirksamkeit bleibt ohne zusätzliches Training von individueller Selbstführung, operativem (Selbst-) Managment oder systematischer Kulturtransformation aus.

Achtsamkeit verändert nicht die Organisation- sie beruhigt erstmal das Individuum. Damit erfüllt Achtsamkeit eine systemstabilisierende Funktion.

Ohne wirtschaftspsychologische Kontextualisierung und Schaffung von Multiplikatoren unterstützt Achtsamkeit unbewusst die Individualisierung von Problemen, Verschleierung von Machtstrukturen und verlagert die Verantwortung für Wohlbefinden vom Kollektiv auf das Subjekt. Statt Forderungen an Arbeitszeitmodelle, Führungskultur oder organisationalen Sinn zu stellen, soll der Einzelne lernen, seinen Cortisolspiegel selbst zu regulieren. Unruhe wird in dieser Logik nicht als Hinweis auf Missstände genutzt, sondern gilt als Trainingsanlass.

Achtsamkeit ist für das Individuum nach innen hin ein wunderbares Instrument- nach außen hin kann sie ökonomisch instrumentalisiert werden.

Also aufgepasst:

Wen lasst ihr an das Wertvollste, was ihr habt: eure Mitarbeitenden? Und was ist eure Intension?

Das bedeutet für Unternehmensleitungen und für uns Wirtschaftspsychologen, Trainer oder Coaches: unbequeme Wahrheiten benennen, „hidden agendas“ reflektieren und offenlegen, persönliche Eitelkeiten zurückstellen, Co-Creation fördern und vor allem die eigene Fachkompetenz realistisch einschätzen.

Tipp:

Holt euch keine Hochglanz-Berater, die euch nach dem Mund reden. Holt euch Menschen mit Erfahrung, die euch fordern. Die euch ehrlich spiegeln. Die euch helfen, wirklich aufzuräumen.

Damit das Wertvollste, was ihr habt, das Wertvollste bleibt.

 

Weitere Beiträge